Lorbaß *
17.März 2010
Lordanos Holst. *1993
Lissabon Oldbg. *1999
Reinette Oldbg *1994
Lissaro
Hann. *2005
Matcho AA *1978
Marquesa Hann. * 1985
Gracia Hann. *1980
Surumu xx *1974
Acatenango xx *1982
Aggravate xx *1966
Ionia xx *2000
Pentathlon xx *1965
Ipenta xx *1986
Immer Toller xx *1980
Mutterstamm:
Eigenleistung Ionia:
2003 - 2005 17 Flachrennen, darunter 1 Sieg und 4 Plätze
10. Mai 2006 - Stutenschau Ankum; Eintragung in das Hannoversche Hauptstutbuch
Eintragungsnoten u.a. Elastizität und Schub im Trab 8, Sattellage 8, Rahmen 8,
Vordergliedmassen 8.
Mutterstamm:
der
vollständige Mutterstamm in graphischer Darstellung (Stamm der
Immertreu)
Iwanowitsch xx *1978, Ldb Celle, von Illix xx/Orsini xx a.d. Istanbul
Injektor xx *1984, Ldb Moritzburg/Trak., von Tiron xx a.d. Inka (Zweig der
Immenkönigin a.d. Immertreu)
Intervall xx *1974, Rhld./Trak., von Perseus xx a.d. Inka (Zweig der
Immenkönigin a.d. Immertreu)
Indian Lady *1985, Trak.von Perlenglanz (4 erfolgr. Sportnachk.) a.d.Ikone (7
erfolgr.Sportnachk) a.d.Inkunabel, S-Spr.gew. LGS 1999 € 32.400
Papillon 142 *2001, Westf. von Phantom a.d. Indian Lady (Züchter Georg Ahlmann),
intl. S-Spr. gewonnen (Christian Ahlmann), LGS 2009 € 11.505
Lorbaß ist Halbbruder zu Balahé
von Brentano II, und zu Bogart
(vkft. in Hengstaufzucht) von Benetton Dream
Gedanken zur Hengstwahl: warum Lissaro
?
Fünf Tage über die Zeit, und das Igelchen hatte mächtig mit sich herum
geschleppt - heute morgen um zehn fand sie es passend und na klar habe ich
wieder alles stehn und liegen lassen und im Büro kurzerhand "Mutterschutz" für
den Rest des Tages eingereicht ...
Der nasse Bub lag im Stroh und das Igelchen kümmerte sich rührend grummelnd um
ihren Sohn - lecken, grummeln, lecken, stupsen.
Ich sass nur in der Ecke in der
Box und habe den beiden seelig lächelnd zugesehen.
Nach einer Weile bemühte der Bub sich ums aufstehen, heillos verwirrt ob der
Beine, die ihm eher im Weg denn eine Hilfe sind.
Igelchen grummelt - hmhmm - mach weiter! Doch der Bub purzelt wieder durcheinander.
Bedachtsam schiebe ich mich hinters Fohlen, Igelchen grummelt: hmhmm! willst du
helfen? pass bloss gut auf dabei! hmhmm... und grummelt freundlich besorgt neben mir dahin
und ich freue mich über die vertrauensvolle Mutter und fühle mich mehr als nur geduldet. Eine helfende Hand - und das Igelchen
grummelt dazu.
Den kleinen Fohlenpopo zieh ich sacht vor mir hoch und stell fest: so klein ist
er wahrlich nicht! Vorsichtig stell ich ihn auf die
wackeligen Hinterbeine - das Igelchen passt auf, dass ich alles richtig mach und
kommentiert zufrieden grummelnd, das sei wohl in Ordnung so...
Wieder stupst sie mich
sacht an, grummelnd - machst du auch wirklich alles richtig?
Ich leg ihm die
Vorderfüsse passend hin und greif unter das Fohlen - Igelchen grummelt, hmhmm,
das sieht gut aus, bitte weiter!
Ein Ruck, der Bub steht - Mutter grummelwiehert
entzückt dazu, ich strahle.
Stutenfee Ingrid sieht lächelnd zu und jetzt wird deutlich, wie recht sie hat:
eine Menge Pferd, die das filigrane Igelchen da ausgebrütet hat!
Ich bleibe dicht dabei und stütze den wackeligen neuen Erdenbürger - jede Bewegung wird vom
Igelchen mit sanftem grummelwiehern kommentiert und sie weicht mir nicht von der
Seite. Besorgte Mutter, vertrautes Pferd - so schön.
Nach einer Weile kann der Sohnemann allein wackelig durchs Stroh tapern, immer um Muttern
herum - ich setz mich wieder in meine Boxenecke und seh den beiden beseelt zu -
die Sonne scheint, Mutter und Kind sind wohlauf - das Leben ist schön!
Auf Stutenfee Ingrid's Frage, wie er denn nun heissen soll, galoppieren meine
Gedanken davon:
Ostpreussen, September 2009, ich sitz vorn im
Reisebus auf dem Boden und lausche andächtig den Erzählungen von Klaus Hagen,
der uns aus seiner Jugend hier in Ostpreussen erzählt, wir sind auf dem Weg nach
Trakehnen, Gumbinnen liegt hinter uns, Rominter Heide, ehrwürdige alte Bäume,
die viel zu erzählen hätten, säumen
die Strasse zu beiden Seiten, fliegen durch das grosse Fenster an uns vorbei.
Herr Hagen erzählt, Kindergeschichten, von Mariellchens, den kleinen Mädchen,
und Lorbaß, dem Bengelchen, ist da die Rede. Mit scharfem "S", wie Herr Hagen
ausdrücklich betont! Und wenn der Bengel mal einen Sreich ausheckte, dann heisst
es:
"Lorbaß! Du sollst doch nicht so dreibastig sein!"
Herrliche Mundart.
Ich könnte stundenlang zuhören.
So schön.
Und Lorbaß soll er heissen.
Ostpreussisch für "Bengel".
Kein Trakehner zwar, aber reichlich Vollblut - die Mixtur passt.
Und der Name passt ihm wie auf den Leib geschneidert.
Karfreitag, 2. April
Das sind sie, die schönsten Momente im Leben eines Pferdezüchters:
Lorbaß ist nun gut zwei Wochen alt und weiß inzwischen, daß er ein Junge ist -
der pure Übermut und ich kann einfach nicht genug davon bekommen, einfach auf
der Wiese zu sitzen und ihm bei seinem ausgelassenen Treiben zuzusehen - die
reine Lebensfreude!


28. November 2010
Mit dem Verkauf von Rialto Venice und Brisant erlaube ich mir in diesem
Jahr nun erstmals den Luxus, mit Lorbaß ein Hengstfohlen selber aufzuziehen:
Wie bereits im letzten Jahr Bogart war es auch in
diesem Jahr wieder das "Igelkind", der Sohn meiner Vollblutstute
Ionia, der mir vom ersten Tag an am meisten ans Herz
gewachsen ist. Alles andere als puppig und schön ist Lorbaß ein Kerl für dick
und dünn mit Herz und Seele - und wenn er derzeit auch mehr dem ausserirdischen
Alf von Melmac ähnelt so sind es doch gerade seine bodenständigen
Charaktereigenschaften, die ihn für mich so besonders machen. Gesegnet mit einem
Interieur von unerschütterlichster Gelassenheit bereitet er mir in seiner
liebenswerten Art einfach jedes Mal aufs Neue Freude.
Ich bin gespannt die Entwicklung meines halbblütigen Lorbaß' miterleben zu
können und denke es wird ein aufschlußreiches Experiment sein, diesen Sohnemann
meines Igels eines Tages als fertiges Pferd erleben zu dürfen:
unter dem eigenen Sattel die ersten gemeinsamen Erfahrungen gerade auch im
Gelände sammeln zu können, ganz so wie ich es diesem Jahr mit
La Jeanne auch gemacht habe - und diese Erfahrungen
möchte ich um nichts in der Welt mehr missen.
Lorbaß ist für mich das personifizierte Buschpferd und bringt alles mit, was
dazu von Nöten ist:
Herz und Geist und die mühelose Galoppade eines leichtfüssigen Fegers und wenn
er darüberhinaus Vaters ausgezeichnete Springmanier und Dressureignung
mitbekommen hat, dann sollte das Anreiten und Ausbilden eine echte Freude
werden.
Derweil bummelt er vergnügt in der verbliebenen Absetzerherde auf dem Hof
Altepost durch den kommenden Winter und gniesst das Leben.
Das soll er auch!
25. März 2011
... unverhofft kommt oft und so hat Lorbaß heute den Hof Altepost
verlassen und befindet sich nun auf dem Weg in seine neue Heimat nach England,
in die Wiege der Vielseitigkeitsreiterei - wer hätte das gedacht?
Keine vier Monate ist es her, da schrieb ich noch aus vollster Überzeugung an
dieser Stelle über den Luxus, mit Lorbaß nun erstmals ein Hengstfohlen selber
aufzuziehen und die Vorfreude, diesen Buben dann später auch selber einmal
anzureiten. Einen Fohlenmarkt für potentielle Vielseitigkeistpferde gibt es
nunmal nicht.
Dachte ich...
Und da bot es sich einfach an gerade Lorbaß, an dem mir so viel liegt, zu
behalten und später selber entsprechend auszubilden um ihn hoffentlich in der
Folge einmal in die Hände eines vielversprechenden Vielseitgkeitsreiters
abzugeben.
... dachte ich.
Dann erreichte mich im Winter diese folgenschwere Mail von Helen aus England,
die ihr Herz bereits virtuell an Lorbaß verloren hatte. Und Helen ist wie für
Lorbaß gemacht, hat sie doch in ihrer Ponyzeit selbst sehr erfolgreich für ihr
Land an Europameisterschaften in der Vielseitigkeit teilgenommen.
Manchmal kann man einfach nur staunen, mit welcher Eigendynamik die Dinge sich
entwickeln!
Ich wäre ganz sicher im Traum nicht darauf gekommen jemals ein Halbblutfohlen
aus meinem Igelchen ausgerechnet nach England, in die Wiege der
Vielseitigkeitsreiterei, zu verkaufen. Arbeiten nicht alle namenhaften deutschen
Zuchtverbände akribisch daran, unsere eigenen deutschen Buschreiter davon zu
überzeugen, dass man für potentielle Buschpferde nicht mehr auf die Inseln
fahren muss sondern geeignete blutgeprägte Kandidaten inzwischen auch hier in
der Heimat findet? Und ich wage zu behaupten, ohne Elmar Lesch und seine
spezifische Buschpferdeauktion gäbe es in Deutschland noch immer keinen
nennenswerten und glaubwürdigen Markt für entsprechend geeignete Pferde. Aber
wer ist schon in der Lage seinen eigenen Nachwuchs überhaupt erstmal bis dahin
zu bringen?
Ein sehr langer und nicht zuletzt gleichermassen aufwändiger wie kostspieliger
Ausbildungsweg.
Und so kam es also, daß Helen nach Münster reiste um Lorbaß zu besuchen. Und
irgendwie klingt das ganze selbst in meinen Ohren noch immer nach einer
märchenhaften Bilderbuchgeschichte zu der ich selber das Drehbuch nicht
passender hätte schreiben können.
Lorbaß, mein sportlicher Recke, zu dem er sich inzwischen gemausert hat und der äusserlich nach wie vor noch einiges mit Alf, dem Ausserirdischen,
gemeinsam hat, ist auf Anhieb von der virtuellen in die reale Welt mitten in
Helens Herz getrabt. Ich stand auf dem Paddock mit den beiden und habe einfach
nur zugesehen. Da fand offensichtlich zusammen was zusammen gehören sollte und
die Vorstellung, dass Lorbaß in England nun bei Helen die unumstrittene Nummer
eins im Stall sein wird macht mir so richtig Freude!
Und man darf wohl getrost davon ausgehen, daß Helen als ehemalige
Championatsreiterin die idealen Voraussetzungen mit sich bringt, aus Lorbaß
einmal das Buschpferd zu machen, das ich mir immer in ihm gewünscht habe. Von
den idealen, rein infrastrukturellen Möglichkeiten, die sich in England im
Gegensatz zu Deutschland für die Ausbildung und Förderung eines Buschpferdes
bieten, mal ganz zu schweigen.
Und so haben wir mit Stutenfee Ingrid und natürlich Tönne, unserem
Pferdeflüsterer, den ich bei solchen Aktionen um nichts in der Welt missen
möchte, Lorbaß heute mit Ruhe und Geduld in den grossen Transporter von der
Insel verladen.
Kaum stand er oben hat er auch schon am Heu geknabbert und die Welt gelassen aus
seinem Fenster von oben herab betrachtet. Dieses Pferd hat einfach ein Interieur
zum verlieben. Ich kann Helen so gut verstehen.
So schön.
12. September 2011
Der Kontakt
zu Helen und ihrer Mutter Anne ist seit ihrem Besuch hier im Frühjahr stetig
gewachsen, eine herzliche Freundschaft unter Pferdeleuten und Gleichgesinnten.
Es ergab sich von selbst, daß ich Ross&Reiter nebst Familie alsbald besuchen
würde und nun war es soweit:
Besuch bei Lobaß in seiner neuen Heimat in England!
Und was für eine Heimat war das!
Ein kleines Häuschen auf dem Lande und in dessen Garten lebten die Pferde - so
ungefähr lasen sich die Beschreibungen von Helen und Anne, die sich am besten im
englischsprachigen O-Ton wiedergeben lassen:
"Mum's keeping our horses in the backyard!"
Auf diesen Garten war ich mehr als gespannt...
Bereits die Fahrt vom Flughafen Leeds tief ins nördliche Yorkshire war ein
Genuss. Unzählige Male zuvor war ich in London gewesen, meine Begeisterung für
jenes "England" hält sich in engen Grenzen. Dies hier ist anders - ganz anders!
Eine Landschaft, wie man sie aus Büchern und Erzählungen kennt, hügelig,
"rolling hills", as they say, und treffender kann man es nicht beschreiben. Reich
bewachsen, aufs trefflichste immer wieder einladend dominieren die
natürlichen Mauern und Hecken, die Strassen, Felder und Wege säumen - der
gelebte Traum eines Reiters, eines Vielseitigkeitsreiters ganz besonders.
Plötzlich wird klar wieso dies die Heimat der Huntings und Eventings ist - die
Gegend bietet sich einfach an, hier laden die natürlichsten Voraussetzungen
einfach ein sich in den Sattel zu setzen und los zu reiten, im wahrsten Sinne
über Stock und Stein so weit das Ross nur trägt. Ich war begeistert, und wir
waren noch nichteinmal angekommen.
In dem beschaulichen Dörfchen Flaxton ist Lorbaß heute zu Hause und mir gingen
die Augen über, als wir dieses Dörfchen passierten:
Es gibt nur zwei Zugänge über die Dorfstrasse und beide führen über
althergebrachte traditionell in die Straße eingelassene Rinderroste, zu beiden
Seiten von grossen weissen Toren flankiert, hier pflegten Schafe und Rinder frei
im Dorf zu grasen. Man taucht ein in eine Umgebung, in der die Zeit vor
hunderten von Jahren wohl stehngeblieben sein muss:
aufs feinste gepflegte urige Cottages, pittoresk herausgebracht und von satten
weiten Grünstreifen gesäumt, ein altes Schulhaus, der örtliche Pub und kaum war
man drin, da war man auch schon wieder raus! Versprengte winzige Farmhäuser in
weiten Feldern und Wiesen gelegen, und immer und überall niedrige Steinmauern
und Hecken und gepflegte Bestrauchung, die das ganze säumen. Ein Traum.
Da standen wir nun vor "Mum's house!" in dem Helen heute mit der Granny wohnt
und sich um die Pferde kümmert. Ein runder Torbogen führt direkt in den Garten,
der sich als britisches Understatement vom allerfeinsten erweist. Zur Rechten
urige alte Stallungen, pferdegerecht und aufs feinste gepflegt, man kann vom
Boden essen. Der Garten hat die bescheidene Grösse eines Fussballfeldes und hier
wächst und gedeiht üppigst was das Herz begehrt - Granny versorgt drei Haushalte
mit ihrer reichen Ernte, man glaubt es gern. Ein schmaler Fussweg führt durch
diesen Garten und man steht ganz unverhofft vor dem Reitplatz. Hier fängt der
"Backyard" aber eigentlich erst an, die Pferdekoppeln liegen dahinter. Grosse
satte Wiesen, natürlich von hohen Hecken umsäumt, mitten drin eine riesige Eiche
und dahinter versteckt sich ein Teich, flach und klar, und man sieht tatsächlich
Hufabdrücke am Ufer. Paradiesisch.

Ein malerischer Grasweg, der Koppeln und "Backyard" kreuzt, natürlich zu beiden
Seiten - erwähnte ich das schon? - von Bäumen und Hecken gesäumt, führt rund um
das Dorf herum, das ist Helens täglicher Ausritt vor oder nach der Arbeit auf
dem Reitplatz zum "Gallop".
Gallop?
Der Begriff hat im englischen Sprachgebrauch eine universale Bedeutung und
bezeichnet Reitwege im weitesten Sinne, und "weit" meint in diesem Zusammenhang
das, wofür es steht:
weit!
Rund um Flaxton erstrecken sich Wiesen, Felder und Heideland, hier werden die
sportlichen Rösser das Jahr über gearbeitet - auf die natürlichste Art und
Weise.
Needless to say:
Ich war begeistert!
Da stand
ich nun, mitten im Grün und konnte mich nicht satt sehen an dieser Umgebung.
Versprengt ein paar Rösser, die hatten uns kommen sehen und kamen uns neugierig
entgegen. Wie sich das für den Garten Eden gehört gab es überall Apfelbäume und
natürlich hatte ich reichlich davon aufgesammelt für meinen Lorbaß. Und da stand
er nun. Weithin erkennbar in seiner untrüglichen Silouhette bummelte er - ganz
wie das so seine unerschütterliche Art ist - auf uns zu. Keine Frage:
Mein Pferdchen hat einen Sechser im Lotto gewonnen und ich könnte mich nicht
mehr mit und für Lorbaß freuen - was für ein zu Hause! "Pferdchen"
beschreibt ihn allerdings nur sehr unzureichend - ein statiöser Brauner mit viel
Rahmen und auf Beinen stehend, die mit dem filigranen Fahrwerk seiner Mutter
nichts mehr zu tun haben - hier ist das schwere Erbe des Lissaro unverkennbar. Ein
ausserordentlich wohl proportioniertes Jungpferd für sein Alter und ich brauchte
ein Weile bis mir klar wurde, dass Lorbaß nicht, wie einer seiner gleich grossen
Weidekumpel, bereits zwei Jahre alt ist, sondern doch eigentlich erst ein zarter
Jährling in vollem Wuchs...
Was für ein Pferd ist das geworden in den letzten
sechs Monaten!
Etwas verschüchtert fragte ich Helen ob ihr das denn nicht einfach "zu viel"
Pferd wäre, schliesslich hatte sie ein Halbblut gekauft und meine Vorstellung
von Halbblut ist trotz allem doch wohl sehr deutsch geprägt. Von wegen
filigranes Vollblut. Ich sollte im Laufe meiner Reise dazu lernen, und reichlich
davon. Das englische Verständnis von einem blutgeprägten oder gar reinen
Blutpferd ist in der Tat ein anderes, als wir es haben. Helen lachte mich aus
und Recht hatte sie. Lorbaß ist goldrichtig, genau so wie er ist!
Später sollte
ich dann Helens Ponystute kennenlernen, mit der sie seinerzeit erfolgreich
Europameisterschaften in der Vielseitigkeit bestritten hat: 3/4 irischer Blüter,
1/4 Connemara. Die Stute ist heute 21 Jahre alt und, Leistungspferd das sie ist,
zur Stammstute von Mutter Anne's Sportpferdezucht avanciert. Der Blüter darin
ist nach deutschen Masstäben nicht zu erkennen. Und doch verkörpert sie das
Sinnbild eines sprunggewaltigen, leichtfüssigen Sportpferdes von Leistung, Geist und
Einstellung. Es war mein erster grosser Lernschritt dieser Reise im Hinblick auf
Vollblut und Blutpferde, die es zu züchten gilt, es sollten dem noch reíchlich
folgen.
Untergebracht war ich bei Mutter Anne, ein paar Meilen weiter im "Station House",
einem alten Bahnhof, wie der Name schon sagt. Und auch dies ist britisches
Understatement pur. Kulturerbe und Museum trifft es eher. Auf's schönste
restauriert ist
Station House heute auch Anlaufstelle kulturhungriger Reisender aus aller
Herren Länder - die dazugehörige hübsche Ferienwohnung im ehemaligen Wartesaal
versteht sich von selbst. Und doch war es mir eine Freude mein Zimmerchen im
alten Herrensitz des Hauses beziehen zu dürfen, inmitten der historischen
Wohnkultur altenglischer Blüte. Britischer geht einfach nicht! Daß Hund und
Katz zur Wohngemeinschaft zählen versteht sich von selbst.

Die Wände meines Zimmers zierten alte Stiche und Bilder, alle hatten sie eines
gemeinsam:
"The Gallop!"
Rennpferde und Hurdler wohin das Auge sah, Newmarket und die Wiege
angelsächsischer Rennsportkultur - ich war begeistert und inspiriert! Und da die
Hausherrin meine Begeisterung auf's Höchste teilt ward ein Besuch in Newmarket
sogleich ausgemacht.
Und so bescherte der nächste Tag eine denkwürdige Reise nach Newmarket in eine
ganz andere Vergangenheit als dieses Yorkshire es ist, und doch ebenso englisch
und pferdebesessen. Pferdebesessen sollte man schon sein, vollblutaffin noch
viel mehr! Und wenn ich mir vor zwei Jahren mit der Reise nach
Ostpreussen und Trakehnen bereits den langgehegten
Wunsch erfüllt habe, einmal Pferdesporthistorie und Tradition zum anfassen zu
begehen und erleben, so steht und stand ein Besuch in Newmarket ganz sicher
ebenso lang auf meiner Liste begehrenswerter Reiseziele. Und das nicht erst seit
Dick Francis. Nur hätte ich nie geglaubt, dass ausgerechnet mein Lorbaß, der
seinen Namen ja nicht zuletzt eben jener Reise nach Trakehnen verdankt, mich
einmal auf Umwegen dorthin bringen würde. Manchmal kann man eben nur staunen -
Blutpferde züchten hilft aber auch :-)

Newmarket bedient einfach alle Klischees, die der nicht englische
Rennsportbegeisterte sich nur vorstellen kann. Und auch das nicht erst seit Dick
Francis.
Needless to say:
bereits die lange Zufahrt zum Örtchen ist gesäumt von bandenartig schräg
abfallenden hohen Hecken zu beiden Seiten, man ahnt mehr als dass man sieht dass
sich dahinter weitläufige Gallops und ehrwürdige Gestütsanlagen verbergen.
Die Mainstreet Newmarket, mit ihren ebenso urigen alten Pubs und Gebäuden, führt
geradewegs auf den Newmarket Clock Tower zu, man glaubt sich an die Champs Elysee
oder die Berliner Siegessäule erinnert wenn man bereits von fern darauf schaut -
aber eine Siegessäule ist dieser viktorianische Tower eigentlich auch irgendwie:
hier siegt zeitlose Rennsportkultur bis heute über schnelllebige Sportpferdezucht
andernorts.

"Give way to racehorses" ist allüberall allgegenwärtig:
Der Verkehr steht still wenn Pferde die Strassen kreuzen..
Und während man hier an der Strasse steht schweift der Blick in die Ferne:
"Rolling Hills" auch hier! Die weitläufigen Hügel erstrecken sich in alle
Richtungen, "Gallops" so weit das Auge reicht - das Herz geht einem dabei auf
und man möchte nur zu gern selber mit in den Sattel klettern!
Anne und ich machten uns zu Fuss auf den Weg zu einem der Gallops. Immer wieder
kreuzten Lots von Reitern und Pferden dabei unseren Weg. Durch dichten Wald,
vorbei an Warm Up Zirkeln führte unser Weg bis wir mitten auf einem der
grösseren Gallop Fields angekommen waren. Von hier hatte man den Blick über
Hügel und Täler, "the hills and the downs", sagte Anne. "But mind you: up h e r
e, we are up on the d o w n s!" Ich musste laut lachen. Versteh einer die
Briten. Dennoch sollte es mir fortan meine Lieblingswortspielerei bleiben.
Wir waren nicht allein. Einzelne Grüppchen frühmorgentlicher Besucher tummelten
sich auf dem weiten Grün und Anne orakelte:
"Bookies!" Die haben ihre Spione überall, auch in den Ställen. Gerade auch in
den Ställen, um sich dort über die entsprechende Tagesform der einzelnen Pferde
zu informieren und ihre Quoten entsprechend zu "gestalten". Dick Francis at it's
best. Herrlich!
Und dann kamen sie, das erste Lot, auf Anweisung des Trainers mal mehr und mal
weniger Speed. Und nach dem Turf in entspannter Gelassenheit quer durch die
Stadt wieder zurück in den Stall. Statt Kaltstarts pferdegerechte Spazierritte
zum auf- und abwärmen. So soll es sein!
Pferdegerecht war dann auch das Stichwort, das mir beim Besuch des National
Stud, dem einzigen englischen Staatsgestüt in den Sinn kam. Von Paddocks ist im
Englischen die
Rede, auf denen die Deckhengste hier ihre Tage verbringen. Sattes Grün, und
jedes Paddock von der Grösse eines Fussballplatzes. Unsere Warmblutdeckhengste
in ihrem tristen eingesperrten Dasein würden jeden Vollblüter darum beneiden.
Hier grasen sie nicht nur, hier ruhen sie auch, die Grössen der englischen
Vollblutzucht der letzten hundert Jahre. Darunter auch ein alter Bekannter, dem
die deutsche Dressurpferdezucht noch heute zu grossem Dank verpflichtet ist:
Tudor Melody, Grossvater des in Celle beheimateten Lauries Crusador. Was wäre
Hannover heute ohne seinen Lauries? Wo stünde unsere deutsche Sportpferdezucht
nicht ohne diesen einzigen vorbehaltos von allen akzeptierten reinen englischen
Vollblüter?

Der Besuch in Newmarket hat mich schwer beeindruckt. Das war es, was ich immer
schon einmal sehen wollte und es hat meinen Erwartungen in jeder Hinsicht
entsprochen und sie in vielerlei Hinsicht noch übertroffen. Der nächste Tag
sollte dann den Rennalltag und mit ihm die Vollblutzucht noch ein wenig
greifbarer bescheren. Zurück in Yorkshire stand am nächsten Tag der Besuch eines
befreundeten Trainers auf dem Programm,
Tim Walford.
Der Besuch der Webseite lohnt, und sei es nur um sich einen Eindruck der
Bildergalerie zu verschaffen. Die Farm liegt in den Hügeln von Yorkshire und wie
alle Trainer hat auch Tim seinen eigenen Gallop. Quer über die Stoppelfelder
fanden wir uns nach einem zünftigen Spaziergang auf einer Galoppstrecke wieder,
von der unsere deutschen Eventer nur träumen können. Knapp zwei Meilen zieht
sich dieses perfekt präparierte Geläuf die Hügel hinunter bis nahe an das
nächste Dorf. Besser kann man Sportpferde jeden Alters gleich welcher Disziplin
einfach nicht trainieren und konditionieren. Was für ein Gallop!

Tim hatte seine Besitzer eingeladen alle im Training befindlichen Pferde zu
begutachten. Das Ganze fand nach guter alter Sitte im Sinne einer
Pflastermusterung der gut dreissig Rennpferde auf dem Hof statt. Für mich kam
dieses Event einer Hengstkörung gleich, ähnlich begeistert waren meine
Gastgeber. Aufschlussreicher und interessanter kann eine Vollblutmusterung
einfach nicht sein. "They run in all shapes!", das war offensichtlich. Ebenso
offensichtlich war, dass auch ein mehr oder weniger vorteilhaft
konstruiertes Pferd nicht notwendigerweise das mehr oder weniger erfolgreichste
oder schnellste zu sein hatte. Der Reiz dieser Pflastermusterung bestand im
wesentlichen auch aus Tims offenen Kommentaren in Bezug auf Qualität und Eignung
oder eben NichtEignung der individuellen Pferde. Manch einer, der als
Kurzstreckenläufer gezogen war aber sich als Steher entpuppte, manch einer, der
zum Galopper einfach
nicht taugte und seinen Weg in die Hurdles gefunden hatte, mach einer, der hier
zum Eventer umgebaut wurde und eigentlich nur sehr wenige, die dem deutschen
"Ideal" des feinlienig konstruierten noblen Blüters entsprachen. Im Gegenteil.
In vielen Fällen hätte ich wider besseres Wissen auf gewöhnliche Warmblüter
getippt und sollte mich umso mehr wundern wenn es sich dann ausgerechnet bei
einem solchen Exemplar um einen bewährten Steher handelte... Helens alte Ponystute
kam mir in den Sinn und vieles mehr dazu. Die Welt der Vollblüter ist ganz
offensichtlich ebenso facettenreich wie die unserer Warmblüter. Veredeln können
sie alle. Erkennen kann man sie aber nur ganz selten.Und das können wohl die
wenigsten unter uns. Und oft sind es die nach
deutschem Maßstab weniger gelungenen weil nicht offensichtlich vollbluttypischen
Exemplare die genau das verkörpern, was den erfolgreichen Vollblüter eben
ausmacht:
Härte, Geist und Sportlichkeit.
Und damit sind wir dann wieder bei meinem Lorbaß und seiner ihm so
unverwechselbaren Silouhette angelangt.
Wer weiss, was aus diesem kapriziösen Sohn meiner Ionia nicht doch noch einmal
wird?
Wie zitierte doch Anne so treffend?
"Fools breed horses for wise men to ride!"
Es sollte mein Lieblingswort auf dieser Reise werden.
Und in diesem Sinne hoffe ich, dass mir mein Enthusiasmus und die Leidenschaft
für die Pferdezucht ganz allgemein, für blutgeprägte Sportpferde ganz besonders,
noch lange erhalten bleibt. Es gibt einfach nichts schöneres.
Danke, Lorbaß!
Danke, Helen und Anne!
reichlich sehenswerte Fotos zu dieser Reise finden sich hier verklinkt: Newmarket und Visiting Lorbass