mein Leserbrief im "Züchterforum" in der Ausgabe Mai 2006:

Mit Freude habe ich Ihren Artikel „Mehr Mut zum Blut!“ gelesen, umso mehr als ich meine eigene Vollblutstute Ionia von Acatenango dort abgebildet fand. Daher möchte ich mir ein paar Anmerkungen zum Thema Einsatz von Vollblütern in der Warmblutzucht erlauben.

Natürlich geht es nicht ohne den nötigen Idealismus, ich möchte sogar behaupten, Idealismus sollte der Haupt-Treiber in einem solchen Zuchtversuch sein um grossen Enttäuschungen vorzubeugen. Und ein Versuch i.S.v. Experiment ist es immer - da sollten wir uns nichts vormachen. Ganz besonders dann wenn es sich bei dem eingestetzten Vollblüter um eine Stute handelt über deren Vererbung im Hinblick auf die Warmblutzucht - anders als bei einem bewährten Lauries Crusador, dessen Kinder sich oft schon auf dem Papier verkaufen lassen- absolut nichts bekannt ist.

Das grösste Problem dürfte wohl in der irrigen Annahme liegen, zwei Extreme miteinander zu kreuzen ergäbe dann das gewünschte Mittel. Dem ist mitnichten so. Wer ein langes an ein kurzes Pferd kreuzt bekommt entweder das eine oder das andere, nicht aber das gewünschte Mittelmass. Dgl im Exterieur: ein schweres Warmblut an einen Vollblüter angepaart gibt in den seltensten Fällen den Idealtypus „sportlich trockenes Reitpferd“ sondern entweder den derben Warmblüter (oft ohne Gang) oder einen spätentwickelten Bluttyp, den dann auch keiner haben will, weil die Kriterien nach denen die Warmblutzuchtverbände heute Nachzucht beurteilen leider nicht auf trockene Spätentwickler ausgerichtet sind sondern taktvolle Schub- und Schwungtypen (idealerweise Sternentreter) bevorzugen.
  
Die Regel aus einer solchen Anpaarung sind aber wohl eher eben diese "Extreme", eben die leidige F1 bei der die erhofften "Verbesserungen" eben nicht oder sogar ins Gegenteil durchgeschlagen haben - und die sind nunmal des Züchters Leid, da machen wir uns mal nichts vor. Diese Extreme auf ein Idealmass bereits in der ersten Generation zusammengebaut zu bekommen ist reines Roulette - und wo 50% Chance sind, sind nunmal immer auch 50% Risiko. Jene 50% eben, die die Mehrheit der Züchter generell davon abhalten Vollblut überhaupt zu nutzen. Von Exterieurmängeln mal abgesehen ist der nötige Durchschwung durch den Körper oft das erste was verloren geht - wen wunderts, wenn Vollblüter selbst im spärlichen Warmbluteinsatz-Einsatz selbst von Landesgestüten heute immer noch aufgrund ihres General Ausgleichs auf der Rennbahn oder der Rennleistung der Familie allgemein angepriesen werden?

"Durchschwung" und Elastizität (oder gar Takt) ist das letzte was ein (erfolgreiches) Rennpferd oder dessen Familie auf der Bahn ausgezeichnet hat.

Eine erhabene Galoppade wie wir sie heute sehen wollen ist das allerletzte was ein erfolgreiches Rennpferd haben sollte: kostet eine solche Galoppade doch in allererster Linie mal reichlich Kraft und Zeit – Killerkriterien, wenn es um die Beurteilung eines bewährten Vollblüters geht.

Weshalb m.E. von Seiten der Hengstanbieter in Sachen Vollblut ein Umdenken Not täte, weg von den Rennleistungen und grossen Namen, hin zu den „Graupen“, die auf der Bahn nichts gebracht haben – gerade weil sie sich vielleicht bereits durch (Rennsport hemmende) Reitpferdepoints auszeichnen? Und solche Graupen mit Reitpferdepoints sind oft für ein Butterbrot zu bekommen...
Bei einer entsprechend günstigen Decktaxe hat dann zumindest der Hengsthalter kaum was zu verlieren.

Auf meiner Suche nach einer passenden Vollblutstute haben mich daher in erster Linie Kriterien geleitet wie guter Schritt vom Fleck weg und ein gutes Hinterbein auch im Trabe, fleissiges Abfussen und Durchschwung durch den Körper. Abstriche in der Galoppade sind ein leidiges Muß: wie es ein rennomierter Pferdemann einmal auf den Punkt brachte: Vollblüter können rennen – aber sie können nicht galoppieren. Dgl das Exterieur: gäbe es den Blüter mit dem perfekten Exterieur für die Warmblutzucht, der das dann auch noch nachhaltig vererbt, dann hätten wir alle nicht diese Probleme an der leidigen F1-Generation vorbei zu kommen. Wenn sie aber in der Summe ihrer Teile „funktionieren“ (sprich: auch bei Abstrichen im Exterieur dennoch die gewünschten Merkmale wie Takt und Durchschwung erkennen lassen) dann ist das in meinen Augen schon die halbe Miete und durchaus einen Versuch wert.

Ob meine Ionia nun in gezielter Anpaarung an einen bewährten und vor allem nicht gänzlich blutlosen Warmblutvererber die gewünschten Fohlen produziert, das muß die Zeit erst zeigen.

Was ich mir aber wünschen würde für alle Gleichgesinnten, die wie ich bereit sind dieses Risiko bewusst in Kauf zu nehmen, das sind Warmblutverbände mit etwas mehr Verständnis für bisweilen eben auch weniger gelungene F1-Generationen – weil manch eine hässliche Ente im jungen Alter sich eben doch oft mit der Zeit zum brauchbaren und begehrten Schwan im reiferen Alter mausert. Aussagen wie: „Nutzen sie doch die (bewährten) Vollblutanteile im benachbarten Zuchtgebiet, damit kommen wir schneller um die F1 herum“ sind wiederum Killerkriterien, die dann auch nur eins zur Folge haben: die Abwanderung ins benachbarte Zuchtgebiet.

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